Sie sind hier: Home / Aktuelles / 30. Jahrestag des rassistischen Pogroms in Rostock-Lichtenhagen

30. Jahrestag des rassistischen Pogroms in Rostock-Lichtenhagen

Der Artikel wurde erstmals am 22.08.2022 auf der neuen Seite der mbr Köln veröffentlicht.

Vor 30 Jahren, im August 1992, wurde die damalige Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber*innen (ZAST) in Rostock-Lichtenhagen angegriffen. Das sogenannte Sonnenblumenhaus, welches sich neben der ZAST befand, wurde in Brand gesetzt. Die 150 dort lebenden vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen, bangten um ihr Leben und mussten über das Dach fliehen.

Vor 30 Jahren fand in Rostock-Lichtenhagen ein Pogrom statt, welcher von organisierten Neonazis, der Nachbar*innenschaft, der Politik, der Polizei und im Nachhinein auch von der Justiz getragen wurde. Unter Beteiligung von ca. 3.000 Neonazis und Nachbar*innen fanden vor der ZAST und dem Sonnenblumenhaus tagelang (vom 22. bis zum 26. August) rassistische Ausschreitungen statt. Dabei handelt es sich um die größten rassistischen Ausschreitungen in Deutschland nach 1945.

Der Pogrom begann wie ein Volksfest. Sowohl Neonazis als auch Polizeibeamt*innen versammelten sich auf der Wiese vor dem ZAST, die „Zuschauer*innen“ nahmen ihre Plätze ein und warteten. Hier ist zu betonen, dass neben den mehr und weniger organisierten Neonazis auch die ansässige Bevölkerung, die zur „bürgerliche Mitte“ zählte, an den Ausschreitungen partizipierte. Die Nachbar*innen standen am Straßenrand, aßen Bratwurst, tranken Bier und klatschen enthusiastisch Beifall. Dadurch legitimierten sie die gewalttätigen rassistischen Ausschreitungen und befeuerten diese. Sie schafften ein Klima, in welchem sich die Täter*innen bestätigt und ermächtigt fühlten.

Die Situation in Rostock-Lichtenhagen lässt sich nur hinsichtlich einer gesellschaftlichen Zustimmung zu dem rassistischen Pogrom interpretieren. Die Polizei zog sich teilweise zurück und überließ den Täter*innen das Feld. Politiker*innen nahmen „die Sorgen der Bürger*innen ernst“ und verschärfte das Grundgesetz auf Asyl, anstatt sich antirassistisch zu positionieren. Die Bevölkerung vor Ort unterstützte die rassistischen Ausschreitungen, die Zustimmung zu dem rassistischen Angriff war enorm.

Den rassistischen Pogrom ging eine öffentliche Debatte über Zuwanderung und Asyl vorweg. Diese wurde häufig mit rassistischen Elementen verbunden, so wurden Asylsuchende auch in den Medien zunehmend pauschal als Betrüger*innen und als Bedrohung dargestellt. Auch extrem rechte Parteien, wie die Republikaner oder die Deutsche Volksunion, verbreiteten verstärkt ihre rassistische Hetze. Vor diesem Hintergrund wurde vermehrt über das Grundrecht auf Asyl debattiert. So wurden Forderungen nach einer Einschränkung dieses Grundrechts laut.

Die ZAST war im Frühjahr 1992 massiv überbelegt, viele Geflüchtete mussten tagelang auf die Bearbeitung ihrer Anträge warten. Die Lebensbedingungen waren unwürdig, so fehlten sanitäre Anlagen und einige Asylsuchende mussten auf der Wiese vor der ZAST ausharren. Die Stimmung in Rostock-Lichtenhagen heizte sich immer mehr auf. Die Beschwerden der Anwohner*innen rund um die ZAST wurden mit rassistischen Komponenten vermischt. Stimmen wurden laut, dass es „langsam genug sei“. Am 22. August versammelten sich mehrere Tausend Menschen vor dem Sonnenblumenhaus und griffen die ZAST sowie das angrenzende Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen mit Steinen und Brandsätzen an. Die Polizei war überfordert und nicht ausreichend vorbereitet. Die rassistischen Ausschreitungen nahmen auch am nächsten Tag kein Ende. Am 24. August wurde die ZAST im Gegensatz zum Wohnheim evakuiert. Das Wohnheim wurde am gleichen Abend in Brand gesteckt. Die Bewohner*innen konnten sich nur mit Not aus dem brennenden Haus retten. Die Polizei zog sich zeitweise völlig zurück und überließ die Bewohner*innen sich selbst. Ein Molotowcocktail nach dem anderen flog, Fensterscheiben splitterten und Wohnungen sowie Balkone fingen Feuer.

Der rassistische Pogrom in Rostock-Lichtenhagen steht nicht singulär für diese Zeit. Die Pogrome in Hoyerswerda, welche am Abend des 17. Septembers 1991 begannen und erst am 23. September mit der Kapitulation vonseiten der Polizei und Politik endeten, waren der Auftakt einer ganzen Reihe rassistischer Ausschreitungen in den 90er-Jahren. Im Mai 1992 kam es im Mannheimer Stadtteil Schönau zu rassistischen Angriffen auf eine Unterkunft für geflüchtete und fliehende Menschen. Im November 1992 verübten Neonazis in Mölln einen Brandanschlag und ermorden die zehnjährige Yeliz Arslan, die vierzehnjährige Ayşe Yilmaz und die einundfünfzigjährige Bahide Arslan. Im Mai 1993 wurde in Solingen ein Zweifamilienhaus angezündet. Hülya Genç, Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk und Saime Genç fielen dem Brandanschlag zum Opfer.

Rassistische Gewalt und rassistische Morde halten bis heute an. (rh)

Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.