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Naturschutz von Rechts

Der Artikel wurde erstmals am 25.05.2022 auf der neuen Seite der mbr Köln veröffentlicht.

Es ist alles andere als neu, dass die extreme Rechte das Thema Umweltschutz für sich vereinnahmt. Dies wundert kaum, war der Naturschutz in seiner Entstehungszeit schon oft reaktionär, antisemitisch und anti-modern aufgestellt. Im Nationalsozialismus wurde er mit völkischer Blut- und Boden-Ideologie verknüpft und die Deutschen als Erben der Germanen als ‚Waldvolk‘ imaginiert. Daraus ergab sich der Glaube, dass die Deutschen untrennbar mit ihren Wäldern verbunden seien und ihre Kraft aus den Wäldern ziehen würden.

Die NPD verwendete den Slogan „Umweltschutz ist Heimatschutz“ in ihrem Wahlprogramm, die nationalsozialistische Kleinstpartei Dritter Weg gründete unter ebendiesem Motto erst vor wenigen Tagen eine eigene „AG Erde und Zukunft“. Auf Frank Kraemers Blog Der Dritte Blickwinkel berichtete der Autor Michael P. am 3. Februar 2022 unter dem Titel „Naturschutz ist Heimatschutz“ von Aufräumaktionen im Wald. Doch auch Akteur*innen der Neuen Rechten und ihr Umfeld nutzen die Parolen. Wie Jannis Pfendtner auf der freitag online herausstellte, gibt es mit Die Kehre – Zeitschrift für Naturschutz sogar eine eigene Zeitschrift zum Thema. Diese gründete sich direkt nach dem Ende der NPD-nahen Zeitschrift Umwelt & Aktiv. Chefredakteur ist Jonas Schick. Dieser ist kein Unbekannter, war er doch früher bei der Jungen Alternative (JA) und der sogenannten Identitären Bewegung aktiv. Darüber hinaus schreibt er seit 2019 immer wieder für Götz Kubitscheks Zeitschrift Sezession.

Ende März 2022 wurde „Umweltschutz ist Heimatschutz“ nun von etwa zwanzig Mitgliedern der AfD und der JA im hessischen Reinhardswald für sich entdeckt. Für eine medial professionell aufgearbeitete Inszenierung reisten u.a. Carlo Clemens, Reinhild Boßdorf, der oben bereits erwähnte Jonas Schick, Nils Hartwig, MdL Gerhard Schenk, Zacharias Schalley, Gerald Christ und Felix Cassel aus Bonn in das hessische Waldgebiet. Ihre Inszenierung erinnerte an linke Proteste, jedoch wurde die Aktion statt mit dem #hambibleibt unter dem #reinibleibt verbreitet. Die AfD und JA-Aktivist*innen pflanzten ein paar Bäumchen, hielten Schilder hoch und machten viele Fotos. Doch warum gingen sie gerade in den Reinhardswald?

Einerseits lässt sich der Reinhardswald als Kulturgut verkaufen, sind dort doch einige der Grimmschen Märchen angesiedelt („Märchenwald“). Andererseits sollen Teile des Waldes für Windkraftanlagen gerodet werden. Dies lässt sich von rechten Akteur*innen hervorragend für ihren Kampf gegen „Klimahysterie“ vereinnahmen. Zwar ist das Vorhaben der Rodung nicht unumstritten, jedoch lehnt die Bürgerinitiative, welche sich vor Ort gegen die Windkraftanlagen engagiert, die Unterstützung der rechtspopulistischen Akteur*innen ab. Vielmehr werfen sie der AfD Verbreitung von Falschinformationen vor. So stimmen weder die Zahlen noch die Begriffe der Umweltschützer*innen von rechts. Statt 2.000 Hektar des Waldes sollen ca. 29 Hektar gerodet werden. Darüber hinaus handelt es sich weder um einen „der letzten Urwälder Deutschlands“, noch soll ein Teil des geschützten „Märchenwaldes“ gefällt werden. Vor allem aber ignorieren die rechten Aktivist*innen einen wichtigen Fakt: die größte Gefahr für den Wald geht vom Klimawandel aus. An den direkten Folgen, wie Hitze und Wassermangel, sind in den letzten drei Jahren 26.000 Hektar Wald abgestorben, wie ein Sprecher des NABU Hessen der taz mitteilte. Das stellt mehr als die gesamten 20.000 Hektar Fläche des Naturparks Reinhardswald dar. (dp)

Für alle Interessierte an der Thematik Naturschutz von rechts möchten wir an dieser Stelle auf die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz – kurz FARN – aufmerksam machen. Sie wurde von NaturFreunden Deutschlands und der Naturfreundejugend Deutschlands im Oktober 2017 gegründet

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