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Neonazistischer Aufmarsch in Remagen

Auch dieses Jahr fand wieder ein rechter Aufmarsch in Remagen statt. Wie schon in den Jahren davor zeigt sich, dass der Zulauf zu der Veranstaltung stetig sinkt. Von den hundert angemeldeten Personen folgten am 13. November 2021 nur um die 56 Teilnehmer*innen dem Aufruf, sich an dem rechten „Heldengedenken“ in Remagen zu beteiligen. Im Jahr 2017 nahmen noch um die 200 rechte Aktivist*innen an dem alljährlichen Aufmarsch teil. Anlass für den jährlichen Aufmarsch sind die sogenannten Rheinwiesenlager. Entlang des Rheins wurden in der Region südlich von Bonn nach Ende des Zweiten Weltkrieges mehrere Kriegsgefangenenlager, hauptsächlich für deutsche Soldaten, errichtet. Entgegen jeder seriösen wissenschaftlichen Schätzung zu den Todeszahlen in den Lagern (hauptsächlich aufgrund der schlechten Ernährungslage oder Durchfallerkrankungen) spricht die extreme Rechte von bis zu einer Million toter deutscher Soldaten. Mit der wahrheitswidrigen Behauptung einer gezielten Vernichtung konstruiert sie einen Opfermythos und relativiert die Shoa. Offen glorifiziert dieses Spektrum der extremen Rechten die deutsche Wehrmacht sowie die Waffen-SS.

Kurz vor dem Beginn des Aufmarsches wurde den Teilnehmer*innen ins Gedächtnis gerufen, dass es ein „gewohnt ruhiger und disziplinierter Marsch“ werden solle. Dies schloss nicht nur mit ein, dass Gegendemonstrant*innen ignoriert werden sollten, sondern dass sich strikt an die Aufstellung in Dreier-Reihen zu halten sei. Neben dem Fronttransparent „Eine Million Tote rufen zur Tat“ (das seit ein paar Jahren schon das gleiche ist) führte eine kleine Gruppe aus Duisburg um Kevin Strenzke (Pegida NRW) ein weiteres Transparent mit der Aufschrift „kein Vergeben – kein Vergessen. Deutsche Opfer klagen an“ mit sich.

Anwesend waren auch Aktivist*innen der Partei „Die Rechte“ und der NPD. Unter ihnen der langjährige Nazi-Funktionär Sven Skoda, der erst seit Kurzem aus der Haft entlassene Matthias Drewer und René Laube. Letzterer war „Kameradschaftsführer“ der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) und trat als presserechtlicher Verantwortlicher auf der Homepage des „Die Rechte“-Kreisverbandes Aachen und Heinsberg auf, bis diese Mitte 2020 offline ging. Seit Frühjahr 2021 tritt er als stellvertretender Landesvorsitzender des NRW-Verbandes von „Die Rechte“ auf. Den getragenen Symbolen zufolge war auch mindestens ein Mitglied von „Syndikat 52“ aus dem Raum Aachen während des Aufmarsches anwesend. „Syndikat 52“ kann als Nachfolgeorganisation der KAL bezeichnet werden und ist vor allem im Raum Aachen, Düren und Heinsberg aktiv. Um sich vor einem (erneuten) Verbot zu schützen, firmiert das „Syndikat 52“ als Untergruppierung des „Die Rechte“- Kreisverbandes Aachen-Heinsberg.

Den Auftakt der Kundgebung an dem Erinnerungsort „Kapelle Schwarze Madonna“, die dieses Jahr als Zeichen für eine demokratische Gesellschaft verhüllt wurde, übernahm Sven Skoda („Die Rechte“). Den Gegenprotest bezeichnete er als „Ansammlung pubertierender Minusmenschen, die sich zusammengefunden haben, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besudeln“. Weiter sprach er von den „Toten unseres Volkes […] die angetreten waren, um unsere Heimat zu verteidigen“. Hier ignoriert er, dass das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg begann und der Feldzug im Osten von Beginn an als ideologischer Weltanschauungs- und rassebiologischer Vernichtungskrieg konzipiert war. Skoda beschwerte sich darüber, dass der 8. Mai 1945 als Befreiung benannt werde. Laut seinem Verständnis seien nur „ hunderttausende Menschen von ihrem Leben, von Hab und Gut befreit und Menschen […] von ihrer Freiheit“ befreit worden. Hier zog er einen Bogen in die Gegenwart und sagte, dass es „ in dieser Republik Denkverbote“ gebe und „Verbote, Meinungen auszusprechen“. Dennoch betonte er, dass „kein Paragraf letztendliches [diese Meinungen] aus diesem Volk herausbekommen können“. Dass er während seiner Rede eben diese Meinungen öffentlich vertreten konnte, wurde nicht als Widerspruch gesehen.

Claus Cremer (NPD) sprach von einem „alliierten Bombenterror“, den Opfern einer „barbarischen Siegerjustiz“ und den „alliierten Terroristen“. Den deutschen Soldaten, „ihrem Leiden und ihrem Opfertod habe man es zu verdanken, dass man „als Volk und als Rasse“ immer noch existiere. Nicht nur hier wurde der neonazistische Duktus allzu deutlich, sondern auch dort, wo von „Volksverrätern“ und „Nestbeschmutzern“ die Rede war.

Matthias Drewer schwadronierte pathetisch davon, dass mit „Blut gedacht werden“ solle. Im weiteren Verlauf relativierte auch er die Shoa und die Geschichte des Nationalsozialismus; die „Geschichtsschreiber der Sieger“ würden lügen und die Alliierten seien „mörderische Invasoren“ gewesen. Seine Abschlussworte machten deutlich, wie er die Geschichte des Nationalsozialismus sieht, wie er zur Demokratie steht. Mit diesem System stehe man auch heute noch im Krieg: „Natürlich ist es gut, dass uns dieser Staat, dieses System als Feind sieht, denn wir wollen keine Freundschaft mit einem System, welches täglich an der Zerstörung unseres Volkes arbeitet, wir wollen keinen Frieden mit Volksfeinden, die Anhänger der Ideologie der Vernichtung unserer Geschichte sind.“ Seine Ausführungen waren eine Aufforderung an die Teilnehmer*innen zur Tat.

Manfred B. („Die Rechte“) aus Düsseldorf redete in Shoa-relativierender Manier von einem „alliierten  Bombenholocaust auf deutsche Städte“ und von einer „Zwangsdemokratisierung [des] Vaterlandes“. Weiter rief er zum Gedenken an die deutsche Wehrmacht, den Gefallenen der Waffen-SS und der Hitlerjugend auf. Die die Verbrechen des Nationalsozialismus glorifizierende Veranstaltung blieb auch in diesem Jahr nicht unbehelligt, es gab zahlreichen Gegenprotest von verschiedenen zivilgesellschaftlichen und antifaschistischen Gruppierungen.

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